Heimatseite aufwärts Lageplan Frisches Retourkutsche

Le Gala Boulanger

 


Claves  CD 50-9611   Live  Le gala Boulanger     Interlaken International Salon Music Festival

Hörprobe: Hallo Budapest, Georges Boulanger (Prima Carezza)

Hörprobe: Hallo Budapest, Georges Boulanger
Prima: Carezza: Le gala Boulanger, Claves 50-9611, Track 1

A la recherche du son perdu

 

Der hübsche Vergleich vom wachgeküssten Dornröschen, wie ihn ein Musikjournalist mit Bezug auf die Salonmusik einst formulierte, liegt zweifellos nahe. Die Rolle des wachküssenden Prinzen, der sich zuvor mutig durch die Dornen, sprich: Schlacken, allzu Banales und Minderwertiges vorkämpfen musste, könnte man dabei getrost der Georges-Boulanger-Gesellschaft zuweisen, die sich 1993 zur Pflege und Verbreitung dieser Musikgattung eigens konstituiert hat.  Name und Gründungsdatum erinnern an den rumänischen Geigenvirtuosen und Salonmusiker - Georges Boulanger.  Unter ihrer Ägide findet alljährlich im stilvollen Kursaal des Interlakener Kasinos ein Salonmusikfestival statt, wo auch die vorliegende Aufnahme entstanden ist.

Doch zurück zur Herkunft der inzwischen so hellwachen Schönen: Ihre Geburtsstunde, w e bei ewig jungen alten Damen zu erwarten, lässt sich nicht exakt bestimmen, zumal der Begriff irreführend ist.  Mit dem philosophisch-literarisch ausgerichteten Salon des 1 8. Jahrhunderts besteht kein Zusammenhang.  Dagegen fand s ch zwischen den Poufs und Kübelpalmen der Salons im 19. Jahrhundert etwa einer George Sand oder einer Marie d'Agoult - unabdingbar ein Flügel, wo Tastentitanen vom Range eines Liszt, eines Chopins die Besucher mit Mazurken, Walzern Polonaisen, Rhapsodien und Opernparaphrasen enthusiasmierten, Zu den musikalischen Soiréen und Bällen der Strauss-Dynastie und ihrer Nachfolger lassen sich ebenfalls Bezüge ausmachen.  Ein entscheidender Betrag zur Entstehung der Gattung ist indessen im aussermusikalischen, im gesellschaftspolitischen Bereich zu suchen.

 Das letzte Viertel des 19.Jahrhunderts ist geprägt von einer Verstädterung und parallel dazu der Entwicklung entsprechender soziokultureller Treffpunkte: Kaffeehäuser, Variétés, Tanzpaläste, Hotelhallen, Musikpavillons in Kurparks, später auch die Erstklassdecks der Luxussteamer (Titanic!) wurden zu Stätten mondäner, urbaner Lustbarkeit.  Mit dem Übergang zur industriellen Ära, die auch andere Lebensbereiche - man denke an Architektur, Mode, Möbelkunst empfindlich veränderte, spaltete sich auch die Musik in die Bereiche der sogenannten E- und U-Musik.

Es entstand ein Repertoire an Piècen und Schmonzetten, deren Titel die Vielfalt der Inspirationsquellen erahnen lässt.  Da ist etwa Thekla Badarzewskas «Gebet einer Jungfrau», Franz Abts «Waldandacht», Richard Eilenbergs «Heinzelmännchens Wachtparade» oder die «Petersburger Schlittenfahrt».  Dazu kommen Opernbearbeitungen, Modetänze, Charakterstücke und musikalische Genremalereien. Typisch für den Unterhaltungswert und das Schielen nach der erfolgversprechenden Aktualität - technischen Errungen­schaften zum Beispiel - sind Titel wie «Telegraphische Depeschen», «Schnellpost», «Schwungräder», «Motoren-Polka», «Leitartikel», «Morgenblätter» und viele mehr.  Immer beliebt war auch Exotisches: Südländisches, Russisches, und, sozusagen als Dauerbrenner, Ungarisches: Pusztaklänge und Czardasrhythmen, oder, was man dafür hielt.

Und es entstanden Salonorchester und Kurhauskapellen in wechselnder Besetzung.  Zum Klavier gesellten sich der typische Stehgeiger oder Primas, ein zweites Violino obligato, Bratsche, Cello, Bass, verschiedene Bläser, bisweilen auch Harmonium oder später auch Akkordeon und Schlagwerk.  Auch das klassische Streichquartett darf als Ausgangspunkt und Gerüst der mitteleuropäischen Salonensembles, nach Bedarf im obigen Sinn erweitert, betrachtet werden.  In dieser Tradition stehen etwa die geistvollen Strauss-Arrangements von Webern, Berg und Schönberg.  In den zwanziger Jahren machte sodann der Jazz-Sound mit stärkerem Blech, Rhythmusgruppe und Saxophon Furore, um ein gutes Jahrzehnt später - obwohl sie mit der Musik der Schwarzen klanglich sehr wenig zu tun hatte - als entartete «Negermusik» verurteilt zu werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bricht die über Jahrzehnte gewachsene Tradition ziemlich abrupt ab - zweifellos im Zusammenhang mit den neuen Verbreitungskanälen der Musik wie Rundfunk und Langspielplatte.Verloren geht damit ein gepflegtes, leichtfüssiges, aber keineswegs leichtfertiges Idiom, das die Fundamente der klassische Harmonie- und Formenlehre mit einem Überbau von brillantervirtuosität, sentimentaler Emphase und eingängiger Melodik raffiniert zu kombinieren wusste.

Nachzuschaffen ist diese Sprache nicht mehr.  Sie aber, wiederum an der Schwelle eines Jahrhunderts, in adäquater Qualität zu pflegen und weiterzuge­ben, muss uns ein Anliegen sein.  Zum Glück haben nicht nur Publikum, sondern mittlerweile auch die Musiker selbst gemerkt: Salonmusik ist durchaus salonfähig!

 Bruno Rauch

 

 

zurück ] Heimatseite ] aufwärts ] vorrücken ]

Senden Sie ein E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an: Klaus Neftel
Copyright © 2001 Prima Carezza
Stand: 20. Dezember 2005

   Zugriffe seit dem 21. November 2000
FastCounter by bCentral