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Festival

 

Prima Carezza  Salonorchester Cölln  I Salonisti   int. Salon Musik Festival


Claves  CD 50-9514   Prima Carezza  Salonorchester Cölln  I Salonisti   int. Salon Musik Festival

Prima Carezza: Le Gala Boulanger
Salonorchester Cölln: Le nouveau Salon
I Salonisti: Le Salon Américain
 

Wachgeküsst aus ihrem Dornröschenschlaf erlebt die Salonmusik derzeit einen zweiten Frühling. Einiges reifer sicherlich als die Schöne aus dem Märchen, erobert sie dennoch - delikat und kess wie ehedem - die Herzen ihrer Liebhaber. Und solcher sind nicht wenige. Nach fünfzigjähriger Ruhephase, entschlackt von wertlosem Ballast, verführt sie denn auch weit mehr als nur rüstige Rentner. Selbst die dancefloor- und technogeprüfte Jugend soll sich nun dann und wann der zartbitteren Verführerin hingeben und ihr Ohr gerührt einem Neapolitanischen Ständchen, einem Tango Torero oder den im Kollektiv lachenden Englein leihen, ohne freilich - da bleiben wir realistisch - darob gleich in Extase zu verfallen.

Verlassen wir das Bild der einnehmenden Dame und stellen nüchtern fest: Salonmusik ist wieder Mode. Mehr noch: Sie wird - endlich - salonfähig, der Wissenschaft würdig.Da schwieg man diese (Sub-)Kultur und ihre Exponenten während Jahrzehnten tot und plötzlich spriessen die gelehrten Arbeiten, die Essays; selbst die Populärpresse merkt auf Die Renaissance des Genres entspricht dabei aber beileibe keiner synthetisch-nüchternen Papiergeburt. Zwar käme es wohl keinem Zeitgenossen ernsthaft in den Sinn, Salonmusik hundert Jahre nach dem Fin de siécle neu zu komponieren, aber aus dem Fundus des überreich Vorhandenen schöpft man gerne und nicht zu spärlich. Manch Kabinettstückchen, manch Ohrwurm ist bereits wiederbelebt und erfreut nach den Grosseltern nun auch deren Enkel - in Interpretationen junger, innovativer und immer zahlreicher werdender Ensembles, nota bene. Dass die Salonmusik wieder Zukunft hat, liegt massgeblich auch am unverkrampften Umgang mit ihr. Da werden in bester Tradition Stücke umarrangiert und (pot)püriert, dass es eine wahre Freude ist. Und so erstaunt es einen Habitué nicht, wenn ihm schon mal die Bearbeitung einer Bearbeitung (einer Bearbeitung) vorgesetzt wird. Militante Verfechter einer "historischen Aufführungspraxis" sind noch nicht bis zur Salonmusik vorgestossen. Ihr Anliegen wäre hier auch reichlich absurd, denn erlaubt war schon früher, was gefiel - und so wollen wir es doch auch heute halten. Neben dem Seufzergalopp eines Johann Strauss oder dem morbiden Avant de mourir von Georges Boulanger hat darum problemlos auch eine anachronistische Salonfassung der Bernstein-Nummer America Platz oder eine kuschelige Version des Heulers Send in the Clowns für Violoncello.

Salonmusik wurde damals, als das Jahrhundert noch jung war, im Kaffeehaus eins zu eins erlebt - oder auch in der Bar, im Hotel, auf dem Schiff, im Kino... Für solche Spässe haben wir kein Geld mehr. Leider. Salonmusik ist heute bestenfalls im Konzert zu haben, oder dann - weniger exklusiv, aber ungleich leichter zu beschaffen - ab Konserve. Die vorliegende Einspielung bietet beides in einem, denn sie bringt das Live-Erlebnis in die gute Stube. Ohne den doppelten Boden moderner Studio-Technik demonstrieren darauf drei herausragende und doch so unterschiedliche Orchester in souveräner Weise, was man von diesem auferstandenen Genre noch so alles zu erwarten hat.

Christian Peter Meier

Gleichzeitig mit dem Tod des rumänischen Violinvirtuosen und Salonmusikers Georges Boulanger (1893 bis 1958) ist im europäischen Kulturgut eine weit verbreitete Erscheinungsform der musikalischen Unterhaltung von den Hotelhallen, Varietés, Kaffeehäusern und Privatanlässen verschwunden und dem Trend entsprechend auch aus den Radioprogrammen gestrichen worden.  Heute ist schwer nachzuvollziehen, wie diese Musik, die, solange es sie gab, die Herzen der Musikanten und Zuhörer auf ihre spezielle Art zu rühren vermochte, derart in der Vergessenheit versinken konnte.  Die Entwicklung nach dem zweiten Weltkrieg hat andere Unterhaltungsmusikformen hervorgebracht, die zwar die der Salon- oder Kaffeehausmusik eigene improvisatorische und ethnische Qualität und die ungezwungene Darbietungsweise wohl noch aufweisen, aber ganz andere seelische Bereiche tangieren.

Einige Musiker stellen heute mit Bedauern fest, dass ihnen damit eine Ausdrucksweise abhanden gekommen ist, die über Generationen sowohl dem klassisch gebildeten Virtuosen und gleichermassen etwa dem slawischen oder argentinischen Volksmusiker offenstand.  Ein musikalischer Dialekt ist somit verloren gegangen, der wie alles musikalische Erleben schwer in Worte zu fassen ist, aber für zahllose Musikliebhaber unmittelbar verständlich war.  Es ist interessant festzustellen, dass die Faszination dieser Musik dort, wo sie heute wieder auftaucht, ungebrochen durch alle Modeerscheinungen wieder voll zum Tragen kommt.  Diesem Dialekt nachzuspüren, ihn wieder aufleben zu lassen und seinen Mitgliedern in Form von Konzerten, Schrift- und Tondokumenten zugänglich zu machen und weiter zu vermitteln, ist das erklärte Ziel der Georges Boulanger Gesellschaft.

Die geeignetste Form, die Salonmusik wieder aufleben zu lassen, ist naturgemäss das Live-Konzert.  Im prachtvollen fin-de-siécle Saal des Casino/Kursaals Interlaken wurde endlich der geeignete Rahmen gefunden, um den Musikern und Enthusiasten das stimmungsvolle Umfeld zu schaffen, um die wiedererwachte Salonmusiklust auszuleben.  Die Georges Boulanger Gesellschaft hat in Zusammenarbeit mit der Touristik-Organisation Interlaken, der Direktion des Kursaals Interlaken und der Organisation der Interlakner Festwochen 1994 das Internationale Salonmusikfestival aus der Taufe gehoben, welches künftig jedes Jahr Mitte September das klingende Vermächtnis von Georges Boulanger und anderen Salonmusikgrössen dem geneigten Publikum mit der nötigen Virtuosität und Leidenschaft, aber auch mit dem berühmten Augenzwinkern servieren wird...

Übrigens erlaubt die vorliegende Produktion einen interessanten Quervergleich mit existierenden Studioaufnahmen.  Mit Ihrer alten Vermutung liegen Sie richtig: Live-Konzerte leben wirklich!

Daniel G. Ryhiner

 

 

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Stand: 20. Dezember 2005

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